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Sehnsucht nach dem Schönen

Eröffnungsrede zu "Brandreden am Brennpunkt", K.U.L.M. Projekt Feuer, steirischer herbst, am 2.10.99
[40/99]


Martin Krusche
de nada


Wenn ich in dieser Region unterwegs bin, sehe ich das überall. Löwen, Leoparden, Pferde, Adler und Hunde als wetterfeste Skulpturen vor den Häusern. Burgen und Gartenzwerge, Störche und Füchse in den Wiesen. Bergseen an den Häuserwänden. Wohlgefüllte Blumentröge. Autos werden dekoriert, modifiziert. Mobilien und Immobilien sind den Menschen hier Medien, um das auszudrücken, was ihre Sehnsucht nach dem Schönen werden ließ. Frei von Alltagszwecken. Bloß da um Freude zu bereiten und anderen mitzuteilen: Ich genieße das Schöne. Ich bin anders als die Gewöhnlichen. Ich habe die Mittel und die Muße, das Schöne zu finden, mir anzueignen, Euch zu zeigen.

Es scheint so zu sein, daß es ein ungleich leichterer und kürzerer Weg ist, diese Dinge schön denn lächerlich zu finden: Löwen, Leoparden, Pferde, Adler und Hunde. Burgen, Gartenzwerge, Störche, Füchse, Bergseen, Blumentröge. Hirsche ohne Zweifel. Aufgehübschte Audis oder BMWs, die so aussehen sollen, als haben sie bei Autorennen ihren Mann auf ein Podest gebracht.

Da sitzen Leute wie wir freilich auf höheren Stühlen. Wenn uns Jahre der Verzweiflung und des Begehrens, des Ausschlagens banaler Alltagsmühen ästhetische Erfahrungen gebracht haben, welche diese regionale Dekoration als das erscheinen lassen, was sie nach unseren Maßstäben sein muß. Plunder. Kitsch. Und plötzlich sieht es so aus, als wäre da ein unvermeidlicher Gegensatz zwischen Kunst, Plunder und Kitsch. Sich gegenseitig ausschließend wenn auch auf dem gleichen Terrain präsent.

Aus Gründen, die zu klären wären, hat man sich in diesem Land entschlossen, die Muße als Faulheit zu denunzieren. Obwohl man etwas großzügig behaupten kann: Alle tun es! Die Lust auf zweckfreie Zustände, für die man wenigstens einige Stunden von Mühen freigestellt sei, diese Lust muß gewöhnlich nicht gelehrt werden. Egal, ob solche Muße in Kultur, in Kunst oder speziell in Religion gefaßt ist, oder ob solche Muße in individueller Eigenheit eine Form findet.
Solange man nicht gerade Philosophie betreibt, weiß doch jeder Mensch spontan, was er als angenehm, schön und sinnvoll empfindet. Oder kann zumindest erzählen, wie ihn das Gegenteil davon behelligt: Unangenehmes. Häßliches. Sinnloses.
Frontstellungen tun sich dabei gewöhnlich erst auf, wenn eine beliebige Elite ihren Kanon als vorrangig durchsetzen möchte. Hier trägt jedes Bildungsunternehmen auch die Züge einer Conquista. Seit einer Ewigkeit wird diskutiert, was das Schöne sei und welche Kennerschaft sich aus langer Übung feinen Geschmacks ergebe.

Die Arroganz solcher Eliten muß einst milder gewesen sein, da in maßloser sozialer Distanz die Gebildeten es wohl ohnehin für undenkbar hielten, daß der Pöbel je an sie heranreichen könnte; in Kennerschaft und feinem Geschmack. Was elitäre Arroganz heute so schwer erträglich macht, ist jene Attitüde, die so tut, als sei quasi ein halber Mensch, wer diese und jene Stoffe nicht kenne und wertschätze. Aber wir haben sicher Konsens: Kunst hat mit Demokratie bloß so viel zu tun, als Demokratie eben nicht bedeutet, daß sich immer die Mehrheit durchsetzen solle, sondern daß auch Minoritäten ein Recht auf Bestand haben.
Insofern wird, was Minorität, vielleicht auch Elite ist, immer wieder zu klären haben, was sie mit einer Massenbasis zu schaffen haben möchte. Freigestellt zu sein, Muße zu haben, bleibt eine besondere Annehmlichkeit, die nicht allen Menschen geboten ist. Man muß wissen, wo man lebt und was um einen ist.

Wir leben in einer Zeit, in der weniger zählt, was ein Mensch tut, denn was er denkt, meint, was seine "Gesinnung" ist. Das scheint ein Merkmal der Moderne zu sein. Aktuell eine Konsequenz des bürgerlichen Persönlichkeitskultes, einer Konstruktion aus dem 18. und 19. Jahrhundert. Also aus einer Ära, in die sich manche Kunstschaffende heute noch hineinträumen; mit ihren Entwürfen von einem Genie-Ego, das in allem freigestellt bloß der Muße und der künstlerischen Praxis gewidmet, eine Art Säuglings-Aristokratie in die Welt stellt. Ein Territorium der Mega-Individuen, deren Handeln nicht zur Debatte stehen darf. In einem Primat der "wahrhaften Gefühle".
Das erinnert an feudale Zeiten, da ein Fürst nicht bloß des Land repräsentierte, sondern das Land war. Ein Monolith. Einsame Größe. Übermenschlich auf jeden Fall. Außer jeder Diskussion. So möchten auch heute manche Fürsten sein und ihre staatsbürgerlichen Möglichkeiten dafür verschleudern. Wir haben eine Kulturpolitik miterzeugt, die mit solchen Motiven spielt. Wir hängen uns lieber an die Titten der vorhandenen Strukturen, als Politik und Verwaltung zu kontinuierlichen Diskursen zu fordern. Und das emotionale Potential dieser Krisenlage wird natürlich auch in die Provinz getragen, wo sich Dorfhonoratioren anhören sollen, daß sie von Kunst keine Ahnung hätten.
Umgekehrt schlägt die gegenüberliegende Seite gerne mit ihrer Keule der normativen Kraft des Faktischen zu. In diesem Konzert der Faktenlagen wird gewöhnlich ein rauhes Holz geschwungen. Der Stammtischbruder und der Realpolitiker, beide wissen zu gut, daß konsequentes Nachdenken unser Leben komplizierter, unseren Alltag anstrengender macht. Ich habe es bei anderer Gelegenheit "das kalte Licht des Machbaren" genannt, in dem Funktionärswesen besonders gut gedeiht. Ein Licht, in dem ein geistiges Klima den Vorrang hat, dessen Wesen von Verkürzung und simplen Antworten auf komplexe Fragen geprägt ist. (Da wir morgen eine Nationalratswahl absolvieren, konnte in den letzten Wochen sehr gut erlebt werden, wovon ich spreche.)

Eines teilen wir alle. Den Blick auf eine Konstruktion, die zuerst "das Volk" meint, beziehungsweise "die Bevölkerung", um darin "das Publikum" zu vermuten. Wahlweise auch "die Wählerschaft" genannt. Politik und Kunst handeln in hohem Maß von Glaubensgegenständen. Und handeln mit ihnen. Während etwa Politik als "Staatskunst" gerne vorgibt, ihre Legitimation von daher zu beziehen vom Volk, vom Publikum -, behauptet künstlerische Praxis gerne Autonomie, behauptet, frei von solcher Notwendigkeit zur Legitimation zu sein.
Wie spaßig, daß der Alltag oft bei beiden exakt das Gegenteil sichtbar werden läßt: Da Politik auf diese Legitimation pfeift und künstlerische Praxis darum betteln läßt. Gelegentlich sogar auf Knien. Ein grimmiger Witz.

Wo stehen wir also? Und an welchen Punkten treffen wir uns? Noch immer stützt man sich in den Landeszentren auf all die strukturellen Vorteile von mehr Mitteln, mehr Möglichkeiten, mehr Sichtbarkeit, mehr Aufmerksamkeit. Und niemand kommt dort auf die Idee, die eigenen Privilegien zurückzunehmen. Zugunsten einer Umschichtung aller der genannten Vorteile ... wie es ja eben nicht grazer herbst, sondern steirischer herbst heißt. Aber das bleibt ohnehin bloß ein müdes Wortspiel. Denn weder Verwaltung, noch Politik, noch Unseresgleichen scheinen von sich aus und freiwillig Handlungen vorzuhaben, durch die das alte Denkmodell "Zentrum Provinz" eine neue Deutung erführe. Man bleibt damit beschäftigt, die Sehnsucht nach dem Schönen zu bedienen wie die Begehrlichkeit nach den Mitteln und Möglichkeiten dafür. Man versorgt uns aus der Kaffeekasse, wie man uns in der Provinz auch gerne Inhaltsschwächen gegenüber den Zentrumsleuten unterstellt. Gut. Also werden wir Provinzleute das selbst ändern. Von hier aus. Es hat schon begonnen.

feedback: krusche@van.at
web: www.van.at/martin.htm

updated: 02.10.1999 by martin krusche
 
 
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